Eigentlich hatte ich mir für heute vorgenommen, einen weiteren, tiefer in das Thema Rückenschmerzen gehenden, Artikel zu schreiben. Mein kleines Magazin ist halt noch ein kleiner Kerl und meine (immerhin erst) übernächste Miete will bezahlt sein. Ich muss also, so dachte ich, irgendeinen kleinen Nebenjob finden und annehmen, der mich über die nächsten drei bis vier Monate bringt. Als Freelancer, Lektor, Autor und Blogger und mit gut zwanzig Jahren Interneterfahrung als Internetunternehmer kann das ja nicht so ein Problem sein, eine Nebentätigkeit zu finden. So dachte ich zumindest.

Bewerbung auf einen Nebenjob

Allerdings habe ich nun den gleichen, mich frustrierenden Fehler gemacht, den ich schon des Öfteren gemacht habe. Ich hätte es wissen können, aber auf der einen Seite bin ich Optimist und auf der anderen Seite brauchte ich einen Nebenjob.

Teilzeitjob auf meiner Qualifikationsstufe

Als Freelancer, denn ich will frei arbeiten, wo meine langjährigen Internet-, Schreib- und Korrekturfähigkeiten ausdrücklich in der Stellenbeschreibung gesucht sind. Natürlich war ich dann doch gespürt zu alt. So mein Eindruck auf die Resonanz. Ich werde natürlich keine Namen nennen, das wäre ungehörig und nicht mein Stil, aber es handelt sich um drei verschiedene Unternehmen, die selbst von sich sagen und damit werben, „hey, bewirb Dich, kein Lebenslauf, komm einfach zu uns, wir wählen nach Kenntnis und Eignung, alles im Homeoffice, alles ganz easy.“

Jetzt könnte ein Leser vielleicht denken, dass ich nicht die notwendige Eignung für diese Jobs habe. Das sehe ich aber ganz und gar nicht so. Diese Nebenjob-Ausschreibungen sind Stellen, die fachlich genau dem entsprechen, was ich tagtäglich mache. Fehlerfreie Texte zu einem sauber recherchierten Thema, solide in einen Text gegossen, in geforderter Länge, gewünschtem Duktus, formal oder locker, in einem Du oder förmlichen Sie, mit oder ohne Humor, alles ganz nach Wunsch. Bei diesen Texten geht es auch nicht um Formatierung, ergänzende Bilder oder andere gestalterischen Elemente. Es geht einfach um die Produktion genau passender Kundentexte. 

Eine Betondecke nach oben

Ich erinnere mich noch dunkel, dass ich, als ich noch um die Vierzig war, dieses Gefühl einer vollkommen undurchdringlichen Barriere nicht hatte. Es fing zwar schon an, schwerer zu werden, aber es ging noch. Mir war diese (arbeitsrechtlich total verbotene) Altersschallgrenze aber absolut nicht bewusst. Hätte mir jemand in jüngeren Jahren von einer solchen diffusen, unausgesprochenen Barriere erzählt, hätte ich nur gesagt, „na, dann muss man sich halt was anstrengen. Wer will, der kann auch.“

Bei dieser Barriere handelt es sich nicht um diese „gläserne Decke“. Also eine Grenze nach oben, wo für Frauen oder andere Menschen, denen der richtige Stallgeruch fehlt, nur ein Durchkommen ist, wenn Zeit und Gelegenheit passen. Das hier ist eine massive Betonwand. Pur und solide. Wer diese Grenze erreicht, wird dieses Hindernis nicht mehr beseitigen können, denn am Älterwerden kann man nichts ändern. Wer sich dieser Grenze als ein älterer Freelancer nähert, holt sich fast nur noch eine aufgeschrammte Wange, wenn er es versucht.

Ok, dachte ich, dann eben keine Nebenjob mit festem Stundenvolumen. Auch wenn ich das hervorragend mit meiner Arbeit an meinem Magazin vereinen könnte. Also zweiter Anlauf. Ich meldete mich für einen Nebenjob bei einigen Freelancer-Portalen an, wo man seine Kenntnisse, Skills, Erfahrungen und seinen Lebenslauf einträgt um dann, so die Eigenwerbung, aus einer Fülle von Aufträgen wählen zu können. Bei freier Zeiteinteilung, wo und wann man will. Das ist auch tatsächlich so und viele digitale Nomaden werden mir aus ihren Campern heraus bestätigen, dass man so gutes Geld verdienen kann. 

Massiver Kostendruck auf Freelancerseiten

Allerdings ist auf diesen Freelancer-Portalen ein gnadenloser Kostendruck im Gange. Auftraggeber erwarten nicht selten Leistungen, die einfach unangemessen sind und nennen Vorgaben, die nicht bis zu Ende gedacht sind. Gleichzeitig sind so viele digitale Nomaden und digitale Assistenten auf der Suche nach Aufträgen, dass es immer schwieriger wird, einen Auftrag mit einer halbwegs angemessenen Vergütung zu ergattern. Kurz gesagt. Nehme ich hier Aufträge an, die mir die Miete, ein paar weitere Kosten und meine Lebenshaltung bringen, muss ich in einer Frequenz arbeiten, die ich in meiner heutigen Verfassung nicht mehr durchhalten kann.

Denn bei dieser Art von Nebenjob wirkt sich dann doch mein Alter aus. Ich kann nicht mehr Stunden um Stunden in gleichbleibender Geschwindigkeit und Qualität durchpowern und dann noch hinten dran drei vier Stunden Blog hängen. Das zu schreiben liest sich, ganz klar, nach einem „der Kerl ist wohl was wählerisch“ oder „siehste, zu alt, kein Wunder, dass das nicht klappt“. Ich spüre ja selbst schon beim schreiben, dass ich in genau diese unangenehme Erklärungs-Defensive gerate. Das schmeckt mir ganz und gar nicht, denn nicht ich bin schwach, sondern die Welt ist übertaktet.

Dass jeder ganz normale Bürojob eine Arbeitsdichte hat, mit der ich immer noch sehr gut klarkomme und wo ich gleichzeitig als ein großes Plus meine langjährigen Erfahrungen und Kenntnisse einbringen könnte, spielt keine Rolle mehr. Was bleibt mir also? Weiter nach einer Stelle suchen. Bewerbungen abschicken, immer schön individuell, kein „von der Stange“, und jedes mal, wenn eine Antwort im Tenor „leider nein, das hat aber wirklich nichts mit Ihrer Qualifikation zu tun“ lautet, einfach schlucken und eine weitere Bewerbung schreiben. Bis es finanziell dann doch eng wird. Aber das hat ja noch über einen Monat Zeit. 

Es gibt sie – stille Altersdiskriminierung

Es gibt eine unsichtbar gehaltene Form der Altersdiskriminierung am Arbeitsmarkt. Die Arbeitgeber werden das nie und nimmer sagen. Das ist ja auch verboten. Die Politik wird auch nie müde, zu betonen, dass ältere Arbeitnehmer unser wertvollstes Kapital sind. Arbeitgeber werden ebenfalls nicht müde, von Fachkräftemangel zu sprechen. Dieser Mangel ist real, aber das hilft nicht den älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Aber doch ist es so: Erreicht man dieses geheimnisvolle Alter X, stellt man fest, das Arbeitsstellen, die bis zu diesem Zeitpunkt kalkulierbar erreichbar waren – irgendwie nicht mehr existent sind. 

Vielleicht kann ich ja ein paar weitere Dinge in Ebay-Kleinanzeigen verticken. Mal sehen … oder ich finde tatsächlich noch einen Job … oder, was realistischer ist, ich mache mich dann doch für zwei bis drei Monate zum weit unterbezahlten Honorar-Sklaven eines Freelancer-Portals. Mein Magazin liegt dann in dieser Zeit eben auf Eis. Ich muss nur hoffen, dass ich nicht in die fatale Teufelsspirale gerate, dass ich zwar gerne mein Magazin machen möchte, aber mir am Abend die Kraft fehlt, neben vollkommen unterbezahlten Texten, (noch dazu kreativ) an meiner Site weiterzuarbeiten. 

Das ist ja wirklich das Kreuz beim Älterwerden. Meine Kraft und Ausdauer ist begrenzt. Ob diese Arbeitgeber vielleicht doch recht haben? Mit ihren pauschalen Ablehnungen ohne Gespräch, Testarbeit und sehr oft ohne jedes Feedback? Verzeiht bitte meine kurze Bitternis. Ist schon vorbei. Ich hatte gedacht, ich hätte sie inzwischen überwunden. Aber in solchen Momenten zeigt sich dieses jung dynamische Jobmonster nochmal und hebt ihr faltenloses agiles Haupt.

Also dann … optimistisch ans Werk und eine Bewerbung schreiben.

P.S. ich habe den Artikel gerade abgespeichert, da trudelt wirklich und tatsächlich eine Email ein. Mein Mac verrät mir in der Bidschirm-Vorabinfo schon den Titel: Einladung zum Video-Interview. Wunderbar. Also dann. Immer Optimist bleiben. Bei dieser Stelle geht es um einen Teilzeit Supporter im Backoffice, auch das kann ich. Ich bin im Herzen ein Dienstleister und das ist meine Miete wenns klappt. Trotzdem lasse ich diesen Artikel Online, da das nichts am Problem, schwer erreichbare Nebenjobs für ältere Arbeitnehmer oder Freelancer ändert.

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