Die Midlifekrise - wenn Papa das Papa vergisst

Dieser Text ist für den Mann, aber auch seine Lieben.

Der Artikel richtet sich an alle Beteiligten. Dem Mann in mittleren Jahren, der spürt, dass es ihm gar nicht gut geht und seine Familie, seinen Kindern und seine Partnerin, Freundin oder Ehefrau. Sie beobachten eine seltsame Veränderung an ihrem Liebsten. Nur, wie damit umgehen? Wie das einordnen? Eine vermutete Midlifekrise erzeugt bei allen Beteiligten große Unsicherheit und Ungewissheit, da das ein neuer und einmaliger Zustand ist.

Dieses Gefühl lässt sich nur schwer umschreiben. Ich formuliere es mal für den betroffenen Mann so: Du merkst, Du willst ausbrechen, aus was auch immer. Du spürst aber, dass es dadurch nicht besser werden wird. Trotzdem meinst Du zu wissen, dass Du Dich irgendwie „befreit“ fühlen wirst, wenn Du tust, was Dir durch den Kopf wandert. Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Dir mehr durch den Kopf geht als „nur“ die Suche nach einem neuen Weg oder einem neuen Karriereplan oder was auch immer. 

Lieber Mann – jetzt heißt es reden

Mann: Rede jetzt mit einem Vertrauten. Denn oft ist dieser Moment der Offenheit Deine letzte Möglichkeit vor der Einfahrt in den Tunnel einer vielleicht ernsten Midlifekrise. Dir drohen Kurzschlusshandlungen wie Auszug, Fremdgehen, für Dich ungewöhnlicher Konsum, Jobwechsel und mehr. Auch exzessiver Besuch von Fitnessstudios oder Extremsport, der Marathonmann grüßen herzlich. Genauso kann aber auch das Gegenteil eintreten. Du lässt Dich mehr und mehr gehen und futterst Dich vor lauter Frust rund.

Ich schätze, in diesem Moment ist Dir unerklärbar, warum das so ist und woher das kommt. Du merkst nur, „irgendwas muss ich tun“. Du bist voller innerer Unruhe, auch traurig und ganz sicher nachdenklich, aber Du erkennst keinen Grund, dem Du das zuschreiben könntest. Deine Gedanken kreisen immer wieder um ein „was habe ich denn erreicht?“, oder „was kann da jetzt noch kommen?“, bis zu einem wirklich bedenklichen „will ich das weiter so haben?“ Das sind deutliche Hinweise, dass Dich eine Midlifekrise bedroht.

Männer machen sowas mit sich aus

Leider neigt unser Geschlecht dazu, keine Hilfe anzunehmen, sondern erst selbst eine Lösung zu suchen. Es gilt, dass niemand vom eigenen Gefühl der Ziellosigkeit erfahren soll. Die Fassade nach außen (oder nach innen zur Familie) will der Mann unbedingt wahren. Ist alles wieder gut, kann er siegreich zum Normalmodus zurückkehren. Stichwort: Weißer Ritter. Fühlst Du das so? Bei mir war es so. Sogar bei meinem Auszug sagte ich: „Ich klär das jetzt selbst und denke nach. Wenn ich alles wieder auf der Reihe habe, kann ich ja zurückkommen.“ Natürlich hatte das nicht funktioniert. 

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war. Obwohl ich im Internet arbeite und täglich alle Möglichkeiten der Recherche hatte. Ich fühlte mich schlecht und war rastlos … und ich war sehr traurig. Ich dachte aber kein bisschen darüber nach, dass das eine seelische Krise sein konnte. Was meine Midlifekrise mit Sicherheit gewaltig verstärkt hatte, war, dass in genau dieser Zeit meine Firma in eine bedenkliche Schieflage geriet. Es ist auch möglich, dass mein Konkurs durch meine desolate Stimmung entstand. Keine Ahnung.

Der dunkle Tunnel der Midlifekrise

Wenn ein Mann in einer Midlifekrise einen bestimmten Punkt überschreitet, sind Argumente fast nicht mehr möglich. Dann ist er in einem Tunnel und wird diesen Weg weiter und weiter gehen. Mit allen negativen Konsequenzen für ihn und sein Umfeld. Das macht er bis zur bitteren Neige. Ein Mann in dieser Phase WILL auch gar nicht mehr umkehren. Aber er leidet trotzdem während er diesen Tunnel blind tastend entlang tappt … und dabei Folgen auf Folgen auf Folgen auslöst. 

Ein solcher Mann ist sich im Klaren, was das mit seiner Familie anrichten wird und dass es ihm auch selbst nicht gut tun wird. Mir war ebenfalls vollkommen klar, was ich da tat. Ich handelte aber wie unter einem Zwang. Das ist keine Entschuldigung, nur der Versuch einer nachträglichen Erklärung. Denn fast jeder Mann, der eine massiv verlaufene Midlifekrise überwunden hat, wird im Anschluss sagen, „hätte ich gekonnt, ich hätte vieles anders gemacht“.

Drei Jahre später zog ich aus

Es wurde mit mir nicht besser und nach drei weiteren Jahren wurde mein Druck so groß, dass ich mein Heil nur noch darin sah, von zu Hause auszuziehen. Mit einem klaren Kopf hätte ich das nie und nimmer getan. Meine Familie, meine damalige Frau, meine Kinder, mein ganzes Umfeld, mein Eingebundensein in die Familie waren so weitgehend, dass ich mich vollständig entwurzelte. Aber … ich tat es, weil ich es tun musste. Das klingt so bescheuert wie das „ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss!“. Und das ist es auch! 

Partnerin? Kids? Freunde?: Vielleicht bist Du, liebe Leserin, auch die Ehefrau oder langjährige Lebensgemeinschaft oder Freundin dieses Mannes? Vielleicht eines seiner Kinder, die ratlos über ihren Papa sind? Dann ist mein Rat: Sprich ihn ohne Druck und Vorwurf auf diesen Artikel hier an. Das kann erst mal dieser Link sein, den er sich in aller Ruhe durchlesen kann. Link in seinen Chat und fertig. Mir ist von damals noch im Kopf geblieben. Ohne unzweifelhaften „Beleg“ reden, bringt oft gar nichts. Vielleicht aber gehe ich ja als glaubhafter Zeuge durch?

Burnout? Depression? Midlifekrise?

Ich vermische gerade die Begriffe Depression, Burnout und Midlifekrise. Das ist nicht das Gleiche, aber in meinem Fall war es diese fatale Mischung. Es ist gut möglich, dass ich von einer Midlifekrise in den Burnout und weiter in eine Depression gerutscht war. Oder war es eine andere Reihenfolge? Ich kann es nicht mehr sagen, da ich erst Jahre später eine kompetente Therapeutin gefunden hatte. Leider erst, nachdem es nochmal schlimmer geworden war und ich acht Wochen in einer Akutklinik verbracht hatte. Diese Klinik bracht dann auch den ersten Wendepunkt. Dort spürte ich das erste Mal wieder – es kann besser werden. Aber bis heute hatte es dann doch noch eine Zeit gedauert.

Warnzeichen einer Midlifekrise

Die Warnzeichen einer Midlifekrise sind bekannt. Unzählige lustige oder gewollte humorvolle Filme nehmen das Thema immer wieder mal auf die Schippe. Die Umgebung des Mannes, dem die Sorge gilt, beobachtet ein verändertes Verhalten. Ob nun eine übersteigerte und überambitionierte Lust an Sport, neuen Hobbys, eine jüngere Freundin?, oder Jahrzehnte aufgeschobenen Anschaffungen wie die berühmte Harley oder der Klischee-Porsche. Das alles ist toller Stoff für kurzweilige Filme – so lange man nicht selbst betroffen ist.

Weniger offensichtliche Warnzeichen sind, dass sich ein solcher Mann mehr und mehr zurückzieht. Er wirkt auf die Umgebung anders als früher, was ihm gute Freunde wirklich sagen sollten. Leider reagiert so ein Mann dann gereizt und zieht sich weiter von seinen Freunden, aber auch von seiner Familie zurück. Später, wenn er wieder an Deck ist, wird er diesen Freunden danken. Wenn Sie noch seine Freunde sind, da diese Zeit leider oft mit vielen Brüchen verbunden ist.  

Weitere Anzeichen sind Nachdenklichkeit, Traurigkeit und immer wieder grübelnde Gedanken. Möglich ist auch, dass er neben seiner Midlifekrise schon, ohne es zu wissen, in einer Depression steckt. Das kann aber nur ein Therapeut erkennen. Denn nur ein Therapeut kann feststellen, ob es sich um eine „einfache“ Sinneskrise handelt, oder schon weitere Krankheitsbilder wie Burnout oder Depression entstanden sind. 

Liebe Partnerin – reden ist jetzt Gold

Partnerin: Du wirst das bereits versucht haben, da bin ich sicher, aber Du solltest nicht aufgeben, mit ihm zu sprechen. Auf eine nicht sorgenvolle, nicht belehrende, nicht vorwurfsvolle Weise. Mir ist klar, das fällt schwer, wenn er sich schon einige herbe Klopfer geleistet hat. Allerdings würdest Du als seine Partnerin nicht darüber nachdenken, wenn Du schon keine Hoffnung mehr hätten. Du hättest diese Webseite längst wieder geschlossen.  

Leider war ich bereits so weit, dass ich un-an-sprech-bar für jeden Austausch war. Obwohl ich höchst rational und vernünftig mit meiner damaligen Frau und einem zusätzlich hinzugezogenen Paartherapeuten „konferieren“ und „parlieren“ konnte. Ich nahm an diesen Gesprächen zwar teil, aber wenn ich mich recht zurückerinnere, hatte ich nur geschauspielert. Ohne es zu merken. Mein Kopf funktionierte ja. Aber kein Argument konnte mich mehr berühren.

Mein Rat an Dich – Mann

Mann: Bevor Du Dinge tust, die Dein Leben verändern, suche das Gespräch. Mit Deiner Familie, Deinem besten Freund und vor allem – einem Therapeuten. Ich verstehe Deine Situation. In dieser Verfassung zu sein, ist zwar „pure eigene Idiotie“. Man tut es ja. Aber „Mann“ hat keine wirklich freie Wahl. Es ist eher innerer Zwang als rationale und durchdachte Entscheidung. Hätte ich anders gekonnt, hätte ich vieles anders gemacht. Für mich und meine Familie. Vielleicht aber hilft Dir mein Text, dass Du über Dich nachdenkst. Denn, Du musst wirklich nicht meinen Weg gehen.

Im Rückblick denke ich über diese Zeit:

Hätte ich innegehalten und Hilfe in Anspruch genommen, wäre diese Midlifekrise zwar immer noch über mich hinweggerollt, wie bei so einigen Männern … aber ich hätte vielleicht die mein Leben verändernde Folgen vermeiden können, die mich nun den Rest meines Lebens begleiten werden. Eine Midlifekrise ist ja schon, sorry, Scheisse … aber … dann noch eine Depression draufpacken. Das willst Du nicht! Glaub’s mir.

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