Gerade war ich ein wenig spazieren. Nach einigen Stunden PC brauchte ich frische Luft, ein Stück Bewegung und wollte noch andere Menschen sehen. Wie so oft habe ich diese Gelegenheit für meinen täglichen kleinen Einkauf genutzt. Ich wanderte also meine kleine Fußgängerzone hinab und dachte bei mir, ein Kaffeestop konnte jetzt nicht schaden. Wie es der Zufall wollte, tatsächlich ein Zufall, kam ich in diesem Moment an einem kleinen Café auf einer Ecke eines Hauses vorbei. Das Café ist mit einem wirklich kleinen Buchladen, eher einem Bücherregal mit Preisschildchen, kombiniert und hatte mich durch seine Gemütlichkeit direkt angesprochen.

Das Café -Bücherlädchen war nicht wirklich kommerziell aufgezogen, sondern eher auf ein Verweilen ein- und ausgerichtet. So etwas mag ich. „Individuell“ ist ein Stichwort, auf das ich immer anspringe. Herr Wateler, der der Inhaber des Cafés, hat darüber hinaus, so erfuhr ich im Gespräch mit ihm, noch eine Menge vor. Und gleichzeitig hatte ich mich natürlich mit Informationen über mein Männer-Blog-Magazin revanchiert. 

Er fand sehr interessant, was so alles in diesem Thema, ein Blog für Männer die in die Jahre kommen, drin ist. Dabei kam ich auch auf die Probleme und Schwierigkeiten zu sprechen, die entstehen, wenn ein Vater mit seiner Midlife-Crisis nicht klarkommt und dann auch noch seine Familie verlässt. Ein solcher Vater hinterlässt unendlich viele Scherben, in meinem Fall meine damalige Frau, Mutter und eben auch unsere Kinder. Damals war meine Tochter gerade mal zwölf und mein Sohn sechzehn, wenn ich das richtig zurückrechne. 

Kinder brauchen Ihren Vater zum Erwachsenwerden

Ich ging zu einer Zeit, wo Kinder ihren Vater brauchen, da es langsam in Richtung erwachsen werden geht. Es ist eine Zeit, wo sich Söhne, ich bleibe in diesem Text bei ihm, oft gegen ihre Väter auflehnen oder noch immer aufschauen, um sich dann, den Vater zumindest zur Ansicht, im Idealfall als Vorbild, zum erwachsenen Mann zu entwickeln. Ich werde jetzt nicht auf private Dinge zwischen uns beiden eingehen, aber so viel sei gesagt. Unser Verhältnis zueinander wurde nicht negativ, aber wir hatten uns über die dann folgenden Jahre doch sehr voneinander entfremdet. 

Wie wir wieder Nähe zueinander erreicht haben. Davon handelt mein Text. Es entspricht ganz einer Erkenntnis, die ich, ohne es bisher auf mich zu bezogen zu haben, gerne als Rat weitergebe, wenn das Thema darauf kommt. Hier erlebte ich, dass es tatsächlich ein Weg ist, wieder Nähe und Normalität zu finden. Nicht nur zwischen Männern, sondern eben auch Mann & Vater und Mann & Sohn. Über Herrn Wateler und sein weiteres Konzept, das er über sein Café hinaus entwickelt, schreibe ich ein anderes Mal. Das verdient einen ganz eigenen Artikel. 

Zwei Frauen brauchen nur ein Thema, zwei Männer eine Aufgabe

Es ist nicht nur eine Anekdote, dass zwei Männer ohne ein Wort eine stundenlange Autofahrt miteinander machen und kein Wort miteinander sprechen können. Wo Frauen sich munter über unendlich viele Themen unterhalten, können Männer einfach schweigen. Sind es beste Freunde, ist das auch kein Problem. Es wird aber schwierig, wenn ein Bruch oder zumindest eine Störung zwischen diesen beiden Männern steht. So war es bei mir und meinem Sohn. Natürlich stand immer irgendwo im Raum, dass ich ihn und die Familie verlassen hatte, aber dieser Elefant im Raum wurde praktisch nie angeschaut oder gar angesprochen. 

Nun begab es sich, mein Sohn war sehr erfolgreich in seiner früheren Firma, dass ihn der Hunger, ein eigenes Unternehmen zu gründen, überfiel. Das macht mich stolz, da ich selbst immer irgendwie selbständig war. Mit bösen Folgen, was meine Vorsorge angeht, aber auch das ist ein Thema für einen anderen Artikel. Da es sein erstes eigenes Unternehmen sein würde, bot ich ihm an, ihm bei der Erstellung und dem Aufbau der Strukturen zu helfen, bis „der Laden“ zu laufen begann. Er war der Profi in seinem Job, ich der alte Kämpe in all den Notwendigkeiten, was die Buchführung (Fibu), das Finanzamt, die Behörden, eine Homepage und so weiter und so fort anging. 

Unsere gemeinsame Aufgabe – sein Unternehmen

Dieses sich nun entwickelnde Unternehmen existiert nun, Stand Mitte 2021, seit einem Jahr und wir hatten, durch diese gemeinsame Aufgabe, ständigen Kontakt zueinander. In den ersten zwei Monaten hatten wir noch einen eher unsicheren, aber doch offenen Umgang. Zumindest was mich anging. Für ihn kann ich natürlich nicht sprechen. Aber nach einer Weile entwickelte sich unser Umgang so, dass wir uns vollkommen selbstverständlich besuchen, whatsappen, anrufen, miteinander quatschen konnten. Das ist für mich ganz offen der größte Erfolg unserer Unternehmung, neben meiner Freude, dass er jetzt „sein Ding“ machen kann. 

Wir haben wieder ein Umgang miteinander, den ich so seit Jahren nicht mehr hatte. Im Rückblick hat sich meine eigene Erkenntnis bestätigt. Es ist die gemeinsame Aufgabe, die zwei Männer vertraut und nahe werden lassen kann. Das zu erklären ist sogar ganz einfach. Hat man sonst vielleicht noch eine Unsicherheit in sich, „soll ich ihn anrufen? Was sag ich da? Wie gehe ich ins Gespräch?“, ist es mit einer gemeinsamen Aufgabe easy. Es gibt immer etwas zu bereden, immer zu besprechen. Man kann in jedes Gespräch einsteigen mit einem „hast Du schon … „. Das gemeinsame Thema führt ins Gespräch und in den selbstverständlichen Dialog. 

Findet euer Thema – worauf könnt ihr neu aufbauen?

Natürlich kann ich nicht jedem Vater, der seinem erwachsenen Sohn wieder näher kommen möchte, empfehlen, eine gemeinsame Firma zu gründen. Aber … ist Dein Sohn sportlich und Du warst es mal? Hat er ein Interessengebiet, das Du teilst – oder teilen könntest? War da mal etwas zwischen euch, was wieder aufleben könnte, wenn Du es wirklich willst? Ist vielleicht ein wöchentlicher Besuch zum gemeinsamen Kochen mit Film oder Zocken denkbar? Ist da vielleicht etwas, was Du Dir schon immer gewünscht hast und wo Dein Sohn Dich unterstützen kann? Allerdings so, dass er spürt, er ist gebraucht und es ist kein „hilf mal“. Der Schlüssel ist hier die gleiche Augenhöhe.

Vor ein paar Jahren, noch in unserer gegenseitigen Annäherungsphase, hatte mein Sohn sogar angeregt, eine gemeinsame Pilgerreise zu machen. Das hat mich damals sehr gefreut, aber, ich war noch nicht so weit. Also wurde leider nichts daraus. Ich bin mir recht sicher, dass eine solche gemeinsame Reise auch erreicht hätte, dass wir wieder mehr Nähe zueinander gefunden hätten. Hätte sich mein Sohn jetzt nicht selbständig gemacht: Ich hätte weiter nach einem Thema gesucht, woran sich für uns beide wieder anknüpfen ließe. 

Manchmal spielt sogar das Schicksal mit

Ohne das jetzt als eine Anregung verstanden wissen zu wollen. Ein Enkel ist oft ein Grund, dass sich entfremdete Generationen wieder näher kommen. Es ist nicht selten, dass in Familien, wo der Kontakt zu den „alten Eltern“ ein wenig abgekühlt war, plötzlich wieder selbstverständliche Präsenz vorhanden ist. Das liegt nicht nur daran, dass die nun Großeltern den preiswerten Babysitter machen dürfen, sondern … dieser Enkel ist das neue Verbindende, die gemeinsame Aufgabe, wo nun eben als Oma und Opa das gemeinsame „Thema“ besteht. Einschub Enkel Ende. 

Lieber Mann und Vater. Es ist nicht unmöglich, wieder eine neue und dann aber eine ganz andere Nähe zu finden, wenn Du Dich von Deinem Sohn entfernt hattest. Es ist sehr schwer, das ist wahr. In meinem Fall war das ein Prozess, der sich vom Halbwüchsigen bis ins solide Erwachsenenalter erstreckt hatte. Also Jahre. Aber es lohnt sich für Dich, dranzubleiben. Inzwischen sind er und ich uns wieder so nahe, dass auch wir beide ohne Probleme eine stundenlange Fahrt ohne ein Wort zu sprechen machen könnten – und alles ist ganz normal.

Männerfreunde – und doch Vater und Sohn

Denn das ist, glaube ich, das Geheimnis. Wir sind nicht mehr einfach „Sohn hier“ und „Vater dort“. Jetzt steht ein erwachsener Mann vor mir und wir beide, Mann mit Mann, Sohn und Vater, haben wieder zu einem Verhältnis gefunden, dass, so meine Freude und Hoffnung, dauerhafte Normalität geworden ist. Das Gefühl der Normalität hat sich mir in einem ganz kleinen und für mich doch großen Erlebnis gezeigt. Neulich rief er mich mal abends an und ich fragte, „worum gehts?“ Er meinte nur, „gar nichts Papa, ich möchte einfach was quatschen.“

Huibert de Vet
Author: Huibert de Vet

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