Als gereifter Mann einen Job als Freelancer finden

Freelancer „trotz“ gereiftem Alter?

Mit inzwischen mehr als zwanzig Jahren Erfahrung im kommerziellen Internet sollte ein Schreibjob gegen Honorar kein Problem sein. Oder? Dumm nur, dass meine jahrelange Erfahrung auch bedeutet: Ich bin „alt“ :-). Zumindest älter als der hungrige Nachwuchs der Internetbranche. 

Für meine Bewerbung in einem ordentlichen Unternehmen als festangestellter Externer hatte ich den Lebenslauf überarbeitet und meine Schreibexpertise mehr in den Vordergrund geschoben. Meine anderen Qualifikationen hatte ich nur noch nebenbei erwähnt, da Arbeitgeber bei zu viel Breite der Erfahrung leider oft von weniger Wissentiefe ausgehen oder aber von einem vielleicht widerspenstigen Besserwisser ausgehen. So zumindest meine Erfahrung.

Job in der Onlinebranche wenn man alt wird? – schwer!

Bei meiner Firmenrecherche hatte ich mich leider von zu optimistischen Formulierungen der Stellenanzeigen täuschen lassen. Ich lerne es wahrscheinlich nie, oder ich bin an manchen Tagen einfach zu hoffnungsvoll. Es wird wohl eine Mischung sein. 

„Hey, bewirb Dich bei uns. Brauchst keinen Lebenslauf. Quereinsteiger gerne. Alter egal. Homeoffice selbstverständlich. Komm in unser Team. Alles easy. Yeah.“

Da ich schnell Geld brauchte, schaute ich mich auf diesen Marketing- und Web-Agenturen um. Ich fand dann auch einige interessante Anzeigen. Wunderbar. Diese Stellen entsprachen auch meinen Vorkenntnissen und Erfahrungen. Super. Ich setzte mich also hin und haute einige individuell formulierte und individuell zugeschnittene Bewerbungen raus.

Ich war sicher, dass ich bieten konnte, was diese Unternehmen brauchten. Da remote arbeiten (also Homeoffice) gesucht war, sollte das Alter keine Rolle spielen. Hauptsache Fachkenntnisse, Hauptsache zuverlässig, Hauptsache gründlich, Hauptsache durchdacht und zuverlässig, Hauptsache termingerecht. Kombiniert mit meinem Können und einem voll ausgestatteten Homeoffice, war ich sicher, genau in ein solches Qualifikationsraster zu passen.

Gläserne Decke und gläserne Wände

Du ahnst es schon. Aus den Bewerbungen wurde nichts. Antwort bekam ich fast gar nicht, geschweige denn, wenn eine Absage mit einer Begründung kam, war es die immer gleich klingende Standardabsage. Ihr kennt bestimmt den Text. Mir wurde darum ganz schnell erneut klar, warum ich mir vorgenommen hatte, das mit den Bewerbungen endlich mal sein zu lassen. Das war ein Kapitel aus einem früheren Leben.

Ja, das war mal anders. Ich war nie ein Experte oder Profi im heute üblichen Sinne. Ich kam, wie fast alle Ersteinsteiger damals, als absoluter Seiteneinsteiger ins Internet. Ich hatte bis dahin einen Bioladen, den ich gerade verkauft hatte und ein Studium der Betriebswirtschaft. Ich bin schon seit 1996 mit ganzer Seele im Internet unterwegs und war von Beginn an auch als Freelancer und später als selbständiger Unternehmer unterwegs.

Ja früher, früher war alles anders

Hätte man mir vor, sagen wir zwanzig Jahren, von einer unsichtbaren Jobbarriere erzählt. Ich hätte es nicht geglaubt. Ich war lange Zeit sicher: Allein die Leistung, das Können und die Ausführung eines Auftrags zählten. Was sonst sollte eine Rolle spielen? Der Auftraggeber will doch nur eine genau definierte Dienstleistung? Das Ergebnis zählt, und ein Stück Sympathie, klar, sonst nichts.

Früher bin ich auch einfach in die Firmen reinspaziert und zack. Ich hatte den nächsten Job. Oder ich hatte ein paar vorher recherchierte Webunternehmen angeschrieben, den Entscheider ausfindig gemacht und mich an ihn Mail für Mail und dann Telefonat rangerobbt. Bis ich ihm oder dem GF (Geschäftsführer, heute eher CEO) auf den Schoß gerutscht war. 

„Wer was will, der findet auch was.“ 

„Wer Leistung zeigt, wird letztlich auch belohnt.“

„Wer was zu bieten hat, der wird auch bekommen.“

So oder ähnlich hatte ich geklungen. Meine tägliche Erfahrung hatte das immer wieder bestätigt. Aber ab einem Alter ab 40+ begann sich das zu verändern. Ich merkte, dass ich länger und geschickter baggern musste, um einen Termin zu bekommen. Das war ja noch kein Ding … natürlich tat ich das. Noch konnte ich diese Veränderung ignorieren.

Aber nach und nach wurde diese gläserne Decke solide. Sie war zwar aus Milchglas, ich sah noch Schemen der Action, aber sie wurde für mich undurchdringbar. Später, als ich, realistisch geworden, auf gleicher Ebene oder tiefer suchte, war es in diesen Jobs genauso. Die gläsernen Wände ließen mich noch sehen, was auf der anderen Seite passierte – aber ich kam nicht mehr rüber auf diese andere Seite. Vorstellungstermin? Fehlanzeige.

Die Alternative – als Freelancer arbeiten

Mir bleibt nur noch der Weg über Freelancer-Portale, wo Auftraggeber Aufträge einstellen und sich die Freiberufler rangeln, einen der Aufträge zu ergattern. Auf diesen Seiten geht es zu wie auf einem Parkplatz vor der Stadt. Brummelnde Pick-ups fahren langsam vor und ein tätowierter Arm winkt aus dem Wagenfenster: „Ich brauch 3 Mann!“, und alles rennt los, um als einer dieser drei auf den Wagen aufzuspringen. 

Leider herrscht auf diesen Freelancerseiten ein massiver Konkurrenzdruck. Es gibt unglaublich viele wirklich gute, aber auf jeden Fall ausreichend gute, Freelancer, digitale Nomaden und Selbständige im Homeoffice, die ständig nach größeren und kleinen Jobs suchen. Das bringt die Auftraggeber in die vorteilhafte Position, die Preise mehr oder weniger bestimmen zu können. 

Das drückt die Preise für gute Textarbeit immer weiter nach unten. Die Grenze liegt inzwischen so tief, dass man nur sehr schwer davon leben kann. Selbst, wenn man wöchentlich 40 oder 50 Stunden Energie in die Texte steckt. Bezahlt wird natürlich nur, wenn der Auftraggeber zufrieden ist und man, oft nicht wenige, Nachbesserungen am Text durchführen musste. Auch nicht selten. Texte gehen nicht durch und man hat umsonst geschrieben.

Die Konkurrenz unter Freelancern ist groß

Auf diesen Seiten komme ich mir manchmal vor, wie ein rüstiger Opi, der versucht mit dem jungen Volk ein ungleiches Rennen zu laufen. Klar, so eine Anfrage ist mit ein paar Klicks verschickt, aber dann muss man den Auftrag ja auch noch bekommen. Auftraggeber wissen aber ganz genau, was „da unten“ für ein Gerangel ist. Sie wählen also mit ganz gelassener Hand – und nach ganz persönlichen Präferenzen.

Kleiner Einschub. Ich schreibe bewusst von Chefs und nicht von Cheffinnen, da einerseits Männer immer noch das Internet dominieren. Das Internet ist auf Entscheiderebene oft männlich. Interessant ist aber: Wende ich mich andererseits an ein Unternehmen, dass von einer Frau geführt wird oder die Entscheiderin ist eine Frau, bekomme ich auf eine Anfrage fast immer auch eine Antwort. Frauen sind, muss man sagen, deutlich korrekter und offener für einen Dialog. Allerdings entscheiden sie genauso knallhart, wenn es nicht passt. Eher härter :-). Einschub Ende.

Es gibt aber eine dünne Schicht erfolgreicher, gut verdienender Freelancer. Sie haben sich in ihrer Nische einen guten Namen erarbeitet und können auf einen festen und zuverlässigen Auftraggeberstamm bauen. Das erfordert von diesen Spezialisten eine volle Fokussierung auf die Nische. Die breite Masse der Text-„Tagelöhner“ lebt allerdings am Minimum oder von der Hand im Mund und stockt (Hartz4) nicht selten zusätzlich auf oder hat auch noch einen ganz normalen Job.

Freelancer sein – Vor und Nachteile

Ich fasse zusammen. Es gibt Nachteile durch das Älterwerden – auch im Freelancer-Bereich. Sie entsteht durch den fatalen Mix oft überzogener Erwartungen und Vorstellungen der Auftraggeber und der schieren Menge junger, hungriger, begeisterter und agiler Freelancer, digitaler Nomaden und digitaler Assistenten und einer weiteren großen Zahl Kleinselbständiger aller Couleur und Profession, die, das ist so, mit mehr Energie rangehen können.

Natürlich bekomme ich weiterhin Aufträge. Manchmal sucht ein Auftraggeber ausdrücklich auch nach Erfahrung. Das sind die kleine Rosinen für mich. Meist aber geht es um „Gebrauchstexte“, die, schnell, schnell, geliefert werden müssen. Da reicht es aus, wenn die Texte SEO gerecht (Suchmaschinenoptimierung) optimiert sind und ansonsten für den Surfer gut lesbar sind und natürlich thematisch gut zur Auftragsseite passen.

Einen solchen Auftrag muss ich in einer Zeit X erledigen. Brauche ich länger, gibt es kein Honorar. Zumindest ist das auf den Seiten so, wo ich meine Schreibjobs suche. Wollte ich versuchen, mit diesen Texten genug zum Leben zu verdienen, würde mir auf Dauer die Energie für mein eigenes Projekt fehlen. Ich kann nicht mehr so viele Stunden am Stück powern. Ja, das ist tatsächlich ein Zeichen des Alters :-). 

Die Nische macht’s – erfolgreich durch Erfahrung

Ich habe mir darum eine Nische gesucht, wo ich mit meinem Fachwissen und Erfahrung auftrumpfen kann. Vor allem auch, ohne dass ich mich zu sehr gedanklich darauf einstellen muss, sondern runterarbeiten kann. Texte mit viel Recherche und Hirnschmalz möchte ich auf Dauer meinem Blog gönnen. Da bin ich ehrlich.

Ich schreibe also vor allem suchmaschinenoptimierte Texte quer durch die Branchen. Also Texte, die zu einem Thema verfasst werden und in denen ein bestimmtes Keyword oder Kombinationen und Varianten vermehrt enthalten sein müssen. Trotzdem muss der Text für den Surfer und Leser gut lesbar sein.

Todlangweilige Texte, diese Texte sind mittelmässig aber nicht schlecht bezahlt. Schwein gehabt :). Das ist fast wie Regale bei Aldi einräumen und mein Kopf bleibt frei. Alter ist kein Hindernis, so lange meine 10 Finger weiterhin brav und flott mitspielen. Denn ich muss genauso schnell liefern wie die jungen Texter.

Gut, dass ich schon vor bestimmt 40 Jahren, noch auf der Handelsschule, an einer mechanischen Schreibmaschine das Blindschreiben gelernt habe.

ASDF JKLÖ

Diese ersten Buchstaben waren meine erste Lektion. Den Unterricht im Blindschreiben hatte ich bei einer auf mich äusserst attraktiv wirkenden Lehrerin, was meine Motivation, die Lektionen gut zu machen, zusätzlich gesteigert hatte. Nur wer blind schrieb, also ohne auf die Tastatur zu schauen, konnte auch gucken. Hey, ich war gerade mal 16 oder 17. Da ist das normal :-).

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